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Tagungsbericht

In einem schriftlichen Grußwort betonte der Berliner Staatssekretär für Soziales, Dirk Gerstle, zu Beginn der Tagung, es sei „richtig und notwendig“, dass auch im Bereich der psychischen Erkrankungen auf die Kräfte der Selbstorganisation und Selbsthilfe gesetzt werde. Eine qualifizierte Vermittlung, Beratung und Unterstützung von seelisch Kranken bei ihren Anliegen erfordere auch bei den Selbsthilfeunterstützenden nicht nur Fingerspitzengefühl sondern fundiertes Fachwissen. „Ich bin sicher, dass Sie als erfahrene Kontaktstellenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter um die besondere Gratwanderung zwischen Autonomie und Hilfe, zwischen Selbstbestimmung und professioneller Behandlung wissen“, so Gerstle.

Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Dr. Christian Hanke (SPD), wies in seinem Grußwort auf die besondere Situation von Migranten und Flüchtlingen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen hin. So stellten zum Beispiel schwer traumatisierte Flüchtlinge aus Krisenregionen wie Eritrea oder Syrien eine große Herausforderung für das Versorgungssystem dar. Vor allem fehle es an muttersprachlichen Fachkräften mit kulturellem Verständnis. Es sei besonders wichtig, für diese Menschen eine Willkommenskultur und niedrigschwellige Zugänge zum Gesundheitssystem zu schaffen.

Im Eröffnungsvortrag sprach die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Dr. med. Iris Hauth, zum Thema „Psychische Krankheiten sind kein Tabu mehr“. Einer Studie zufolge seien jedes Jahr 33,3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von mindestens einer psychischen Störung betroffen, sagte sie. Auch sei die Zahl der Frühverrentungen und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aufgrund psychischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Allerdings gebe es keine Hinweise dafür, dass psychische Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hätten, betonte Hauth. Vielmehr hätten sich das Hilfesuchverhalten und der Behandlungsbedarf geändert.

„Früher sagte man ‚Ich hab’ Rücken, heute bekennt man ‚Ich hab Angst’“, beschrieb sie eine zunehmende Entstigmatisierung von psychischen Störungen. So gebe es eine erhöhte gesellschaftliche Aufmerksamkeit für psychische Probleme, eine veränderte Diagnosepraxis sowie eine Verschiebung innerhalb des Krankheitsspektrums von körperlichen zu psychischen Erkrankungen. Aber auch das Gefühl, in der Gesellschaft stets „funktionieren zu müssen“, trage dazu bei, dass sich Menschen wegen psychischer Probleme behandeln ließen. Zugleich betonte Hauth: „Wir sind immer noch weit davon entfernt, dass die Bevölkerung Menschen mit psychischen Erkrankungen vorurteilsfrei begegnet.“

Die Frage, wann ein psychisches Problem zu einer Krankheit werde, sei nicht einfach zu beantworten: „Das lässt sich nicht im Labor oder mit Bildgebung verifizieren“, sagte Hauth und betonte: „Die Möglichkeit einer Diagnose und Behandlung sollte nicht mit deren Notwendigkeit verwechselt werden“. Es gehe nicht nur um Symptome, sondern auch um subjektives Leiden, funktionelle Beeinträchtigungen im Alltag und fehlende Selbstregulation.

Dagegen seien die Wartezeiten für ambulante psychotherapeutische Angebote viel zu lang und deutschlandweit auch sehr unterschiedlich. Richter plädierte für die Einführung einer „psychotherapeutischen Sprechstunde“, die nach Erstuntersuchung, Erstdiagnostik und vorläufiger Indikationsstellung eine Überweisung in ein bedarfsgerechtes Versorgungsangebot zum Ziel haben müsse.

Der ehemalige Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Prof. Doktor Rainer Richter, sieht wie Hauth keine Belege für einen „dramatischen Zuwachs“ von psychischen Erkrankungen. Vielmehr gebe es eine größere gesellschaftliche Akzeptanz und eine größere Bereitschaft, sich Hilfe zu suchen, sagte er in seinem Vortrag zum Thema „Psychotherapeutische Versorgung in Deutschland“. Auch sei der Druck im Berufsleben gestiegen, bei Problemen professionelle Hilfe zu suchen: „Früher waren wir auch krank, aber jetzt gehen wir von uns aus in die Praxen und werden aktenkundig.“

Richter beklagte, stationäre Angebote hätten stark zugenommen, und „es werden viel zu viele Medikamente verschrieben“. Sowohl die Bett- als auch die Fallzahlen hätten sich stark erhöht. „Da geht es auch um Einfluss, Macht und Geld, nicht nur um fachliche Aspekte“, betonte er. Dagegen gebe es bei ambulanten psychotherapeutischen Angeboten viel zu lange Wartezeiten. „Da müssen Bedingungen verbessert, Bestimmungen geändert werden“, forderte er und sprach sich für mehr Kooperationen zwischen seiner Profession und der Selbsthilfe aus.

Im Gespräch mit Theresa Keidel (SeKo Bayern) berichtete der Spiegelredakteur und Buchautor Jörg Blech über seine Recherchen zu dem Bestseller „Die Psychofalle“, im dem er die These vertritt, dass die Grenze zwischen psychisch gesund und psychisch krank von Ärzten, Psychologen und Pharmafirmen aus Profitgier und Geltungsdrang zunehmend verschoben wird. Es sei ein „Megatrend, dass soziale Probleme in medizinische Probleme des Einzelnen umgewandelt werden“, betonte er.

In ihrer Funktion als themenübergreifende Informations- und Beratungsstellen vor Ort übernehmen die Mitarbeiter/innen von Selbsthilfekontaktstellen eine Clearingfunktion für Anfragende. Sie informieren zu den Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Selbsthilfe in Gruppen ebenso wie zu Hilfemöglichkeiten im professionellen System. Gerade für Ratsuchende mit psychischen Problemen und Erkrankungen sind verlässliche Kenntnisse des Institutionengefüges der Hilfen erforderlich sowie Hintergrundwissen zu Krankheitsbildern und Therapiemöglichkeiten. In verschiedenen Workshops wurden im Laufe der Tagung Hintergrundwissen über die Verbreitung psychischer Erkrankungen in Deutschland und über Behandlungsmöglichkeiten vermittelt sowie Handlungskompetenzen für die Gründung und Begleitung von Selbsthilfegruppen erarbeitet.

Das Berliner „Projektteam Junge Selbsthilfe“ ein Zusammenschluss junger Selbsthilfeaktiver aus verschiedenen Selbsthilfegruppen, lud die Tagungsteilnehmer/innen an einem Abend zum „Open Stage der Jungen Selbsthilfe“ ins Pinellodrom in Berlin-Schöneberg. Mit ihren ganz persönlichen Blicken auf die (Selbsthilfe-)Welt durch Gesang, Theater, Kabarett, Poesie und Improvisation lösten die jungen Bühnenkünstler/innen eine Welle der Begeisterung aus.

Die Jahrestagung der DAG SHG ist die bundeszentrale Fachtagung für Fachkräfte aus Selbsthilfekontaktstellen, die es an 340 Orten in Deutschland gibt. Sie findet einmal jährlich statt und wird vom Fachverband der Selbsthilfeunterstützung in Deutschland, der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. durchgeführt. Die Tagung dient der Fortbildung und dem fachlichen Austausch zu konkreten Fragen aus dem Berufsalltag der Mitarbeiter/innen. In diesem Jahr nutzten die Teilnehmer/innen die Tagung auch zum selbstorganisierten Fachaustausch zur Selbsthilfeunterstützung im Bereich Pflege und für die Zielgruppe "Junge Menschen".

Die Tagung in Berlin wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein SELKO e.V., dem Dachverband der Berliner Kontaktstellen, und der SEKIS Berlin durchgeführt.

Die DAG SHG dankt dem Bundesministerium für Gesundheit und dem PS-Sparen Berlin für die Bewilligung der Fördermittel für die Durchführung dieser Jahrestagung.

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Programm
37. Jahrestagung der DAG SHG
1. bis 3. Juni in Berlin

Presseinformation vom 20. Mai 2015
37. Jahrestagung der DAG SHG
1. bis 3. Juni in Berlin